
Von Eljas Repo
2009 wird in die finnische Wirtschaftsgeschichte als ein Jahr eingehen, das dem Land einen gehörigen Schrecken eingejagt hat. Das Bruttoinlandsprodukt brach um 7,5 Prozent ein. Ein so grausamer Wachstumsknick wurde zuletzt 1918 verzeichnet – damals tobte in Finnland ein Bürgerkrieg.
Wer zu Beginn des Jahres 2010 in den Straßen von Helsinki Hinweise für ein vom wirtschaftlichen Einbruch versuchtes Elend sucht, muss schon sehr genau hinsehen. Der Vergleich mit der Bürgerkriegszeit scheint weit hergeholt, und auch das Gerede von einer Wirtschaftskrise wirkt übertrieben. Die finnische Wirtschaft kehrte im vergangenen Herbst auf Wachstumskurs zurück, was sich unter anderem in einem 34-prozentigen Kursanstieg an der Börse sowie einem neuen Rekordstand bei den Wohnungspreisen niederschlug.
Die Weltwirtschaft stürzte ab, als die Finanzkrise zuerst das Bankensystem und dann den internationalen Handel lähmte. Der einschneidende Rückgang des finnischen Bruttoinlandsprodukts erklärt sich aus dem großen Anteil, den der Export an der wirtschaftlichen Gesamtleistung des Landes hat.
Der von fünf Millionen Menschen gebildete Binnenmarkt ist für die hoch industrialisierte Wirtschaft des Landes zu eng. Deshalb ist Finnland besonders abhängig von der Ausfuhr. Das 185 Mrd. Euro große BIP wird zu 47 Prozent mit Exporten erwirtschaftet.
Obendrein sind die Hauptprodukte des finnischen Exports konjunkturanfällig. Zwei Drittel entfallen auf Produkte der Papier-, der Grundstoff- und der Elektronikindustrie. Auch dass der Handel mit Russland einfror, hat die Exportzahlen in den Keller gedrückt. Gründe waren die tiefe Wirtschaftsflaute beim östlichen Nachbarn und besonders Zahlungsprobleme. Die Finnen trauten sich nicht, den Russen Waren auf Kredit zu verkaufen.
Die Wende in der Weltwirtschaft trat im Herbst 2009 ein, und zur gleichen Zeit begann sich auch das finnische Exportgeschäft zu beleben.
Neben der weltwirtschaftlichen Erholung wird in diesem Jahr auch die Binnennachfrage der finnischen Wirtschaft zusätzliches Momentum verleihen. Haben die Wirtschaftsprognostiker Recht, dann wird die Wirtschaft Finnlands schneller wachsen als die des Euro-Raums.
„Zwar dauerte die eigentliche Rezession nur ein paar Monate, aber sie hatte eine gewaltige Wucht. Der Absturz war brutaler, aber zum Glück von kürzerer Dauer als zu Beginn der 90er Jahre“, so Timo Tyrväinen, Chefökonom der Aktia-Bank
„Man darf natürlich nicht vergessen, dass wir von einem niedrigen Niveau ausgehen. Aber wie dem auch sei: Während das Jahr 2009 uns eine sehr negative Überraschung bescherte, stehen die Chancen nicht schlecht, dass uns das laufende Jahr positiv überrascht”, meint Martti Nyberg Chefökonom der Nordea Bank.
Tyrväinen prophezeit, dass das finnische BIP in diesem und im kommenden Jahr um 2,0 Prozent zulegt. Die Nordea-Bank Nybergs ist da optimistischer und sagt Wachstumsraten von 2,7 und 2,5 Prozent voraus.
Die Wirtschaftskrise der früheren Neunziger war für Finnland eine schwere Heimsuchung. Das BIP entwickelte sich drei Jahre in Folge zurück, und die Arbeitslosigkeit explodierte auf nahezu 20 Prozent. Damals hatte Finnland noch eine eigene Währung. Die Finnmark wurde Zielscheibe von Währungsspekulationen, was die Marktzinsen in die Höhe trieb. Dort, wo sich eine Rezession mit hohen Zinsen paart, lassen Großinsolvenzen nicht lange auf sich warten – heute kann man das in Island und im Baltikum beobachten. Für Finnland war es daher eine Selbstverständlichkeit, sich nach dem Beitritt zur EU der Europäischen Währungsunion anzuschließen, und 2002 führte das Land den Euro ein.
Schweden und Dänemark wählten einen anderen Weg: Sie verzichteten auf den Euro. Zurzeit bieten ihnen die eigenen Währungen Vorteile, da die schwedische wie auch die dänische Krone an Wert verloren haben. Der Euro ist gegenüber den Kronen, dem Pfund und dem Rubel stark geblieben, was den wirtschaftlichen Aufschwung in der Eurozone und damit auch in Finnland hemmt. Man nimmt jedoch an, dass sich die Gefälle zwischen den Währungen auf längere Sicht ausgleichen werden. Auf jeden Fall hat man in Finnland aufmerksam registriert, dass die schwedische Schwerindustrie schneller wieder auf die Beine gekommen ist als die finnische.
In der Weltwirtschaft findet sich Stoff für die verschiedensten Prophezeiungen. Manche Ökonomen schwelgen in Untergangsszenarien, andere malen optimistische Zukunftsbilder. Der für konservative Prognosen bekannte Internationale Währungsfonds IWF schätzt, dass das Welt-BIP in diesem Jahr um 3,9 Prozent zulegt. Wachstumslokomotiven sind China, Indien und andere Schwellenländer. In der westlichen Welt und vor allem in Europa schreitet die Erholung deutlich verhaltener voran. Der IWF sagt für Europa nur ein Wachstum von einem Prozent voraus.
Der Welthandel kommt schneller wieder auf Touren, als man aus den BIP-Zahlen schließen könnte. Finnland profitiert von dieser Wende mehr als viele andere Staaten, vor allem, da einige seiner zentralen Absatzmärkte wie etwa Russland sich verhältnismäßig schnell erholen.
Den Finnen schlagen vor allem die ständigen Meldungen über neue Entlassungen aufs Gemüt. Das Zentralamt für Statistik bezifferte die Arbeitslosenquote des Dezembers auf 7,9 Prozent, das waren 1,8 Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor. Den Statistiken kann man auch den Grund dafür entnehmen, warum im Straßenbild von Helsinki so wenig von Arbeitslosigkeit zu sehen ist. Die geringste Arbeitslosenquote, 6,3 Prozent, wurde für Südfinnland ermittelt, die höchste, 10,6 Prozent, für Ostfinnland. Mit anderen Worten: Helsinki und Umgebung sind mit verhältnismäßig geringen Blessuren davongekommen, umso schlimmer dagegen hat die Arbeitslosigkeit Industriestandorte in Nord- und Ostfinnland erwischt.
Auf jeden Fall liegt die finnische Gesamtarbeitslosigkeit unter dem europäischen Durchschnitt. Den Vorhersagen zufolge erreicht sie ihren Zenit in diesem Jahr – laut Nordea wird sie im Gipfel 9,9 Prozent betragen.
Die zunehmende Arbeitslosigkeit sowie der verlangsamte Anstieg der Löhne und Gehälter sorgen dafür, dass die verfügbaren Einkommen der Haushalte nicht wachsen. Daher erholt sich der private Verbrauch vergleichsweise schleppend. Die Wirtschaftsforscher sagen vorher, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt erst 2011 zu entspannen beginnt – dann kann auch der Verbrauch neue Dynamik entwickeln.
Von der zur Konjunkturstützung verfolgten Niedrigzinspolitik der Zentralbanken haben nicht zuletzt die finnischen Hypothekenschuldner profitiert. Die hiesigen Hypothekenzinsen sind an die kurzfristigen Euribor-Sätze (1-12 Monate) gekoppelt. Laut Statistiken ist von den außenstehenden Hypothekenkrediten in Finnland ein größerer Teil als in jedem anderen Land Europas an kurzfristige Referenzzinssätze gebunden. An langfristigen Sätzen orientierte Hypothekenkredite sind in Finnland die Ausnahme.
Die Bank von Finnland führt Statistik über die mittleren Hypothekenzinssätze – zum Jahresende 2009 betrugen diese 2,17 Prozent. ( http://www.bof.fi/en/tilastot/tase_ja_korko/index.htm )
Die Wohnungspreise sind ein Indikator für das Zukunftsvertrauen der Bürger. In Finnland sind die Quadratmeterpreise nach Beginn der Krise zunächst um fünf Prozent gefallen, aber schon im Sommer 2009 begannen sie wieder zu steigen. Zur Jahreswende standen die Wohnungspreise auf einem höheren Niveau als je zuvor. Das erklärt sich nicht nur aus dem Verbrauchervertrauen, sondern ein Grund sind auch die niedrigen Zinsen.
Als die Finanzkrise ausbrach, war der öffentliche Haushalt Finnlands glücklicherweise hervorragend in Schuss. Die Schulden betrugen weniger als 40 Prozent des BIP, und die Steuereinnahmen des Jahres 2008 waren größer als die öffentlichen Ausgaben. Der öffentliche Haushalt wies einen Überschuss von stolzen 4,5 Prozent aus. Damit gehörte Finnland zur Primus-Kaste der Eurozone.
Der Einbruch des Jahres 2009 ließ die Steuereinnahmen schrumpfen, und auch in Finnland geriet der öffentliche Haushalt in die roten Zahlen. Der Staat musste wieder beginnen, sich am Markt Geld zu leihen. Finnlands Voraussetzungen, sein staatshaushaltliches Defizit im Griff zu behalten, gelten als gut. Das zeigt sich auch auf den Märkten für Staatsanleihen. Die Zinsen für Schuldverschreibungen des finnischen Staats lagen im Januar sogar noch ein bisschen unter dem Niveau, das Deutschland, in Europa der traditionelle Liebling der Geldgeber, zu zahlen hat. Stark verschuldeten Ländern gegenüber sind die Märkte indes grausam. Davon können derzeit vor allem Griechenland und Irland ein Lied singen – die beiden Länder müssen für Leihgeld erhebliche Risikoaufschläge zahlen.
„Um die aufgrund der Rezession aufgenommenen Extraschulden zurückzuzahlen, reicht für Länder wie Finnland und Schweden ein viel geringeres Wirtschaftswachstum als für schwer verschuldete Länder wie Griechenland und Irland. Während drei Prozent Wirtschaftswachstum für Finnland und Schweden zum Abtragen ihrer Schulden genügen, können Griechenland und Irland damit noch nicht einmal ihren Zinsverpflichtungen nachkommen“, betont Nyberg von der Nordea Bank.